Gewissensbisse

15März2015

Einen wunderschönen guten Tag, meine lieben Leser!

Heute möche ich ein Thema ansprechen, das sicherlich jeder von uns kennt: Gewissensbisse.

Die einen haben sie, weil sie schon längst einmal wieder etwas auf ihren Blog geschrieben haben sollten (*hust*), andere haben sie aufgrund des vergessenen Geburtstags eines guten Freundes und wieder andere wegen des Stückchens Schokotorte zu viel am Wochenende.

Ich habe sie, weil man hier auf den Straßen immer und immer wieder am hellichten Tag über bewusstlose (oder schlafende?) Personen stolpert (diesmal bitte nicht wörtlich nehmen), die mitten auf dem Weg in allen möglichen und unmöglichen Positionen vorzufinden sind. Meistens handelt es sich um männliche Personen zwischen zwanzig und sechzig Jahren, höchstwahrscheinlich mit ordentlich Alkohol intus, und sehr oft sieht man ihnen die Armut schon aus der Ferne an.

Dank der Mitgliedschaft in meiner Lieblingshilfsorganisation ist mein erster Impuls in solchen Situationen natürlich immer sofort helfen: Ist die Person noch bei Bewusstsein? Reagiert sie auf Ansprache? Wenn nein, atmet sie noch? Und selbstverständlich: Den Rettungswagen rufen!

Aber schon hier setzen die ersten Probleme ein: Durch die Alkoholisierung und das extrem ungepflegte Erscheinen dieser bemitleidenswerten Leute fasse ich sie sehr ungerne an. Außerdem habe ich ehrlich gesagt ein wenig Angst vor der Reaktion, wenn man das Bewusstsein überprüfen würde. Möglicherweise erschrecken sie sich in der Annahme, dass man sie ausrauben möchte (was durchaus möglich ist) und schlagen um sich. Ich weiß, mein Zögern und meine Begründungen klingen furchtbar egoistisch und sind eigentlich mit nichts zu rechtfertigen, aber es ist für mich ein großes Hindernis, das ich immer noch nicht überwinden kann. Vielleicht könnte ich das, wenn ich wüsste, dass man ihnen durch das Rufen des Rettungswagens definitiv Hilfe verschaffen könnte - aber da tritt schon wieder das nächste Problem zu Tage.

Das bolivianische Gesundheitssystem beruht leider zum größten Teil auf dem Selbstzahler-Prinzip: Der Staat deckt die medizinische Versorgung für werdende Mütter und Kinder bis zum Alter von 5 Jahren. Danach muss alles selbst gezahlt werden: Der behandelnde Arzt, die Medikamente, sogar fast alle medizinischen Utensilien wie Spritzen, Infusionen, Drei-Wege-Hähne, Braunülen, Verbandsmaterial und Heftpflaster (teilweise sind diese Materialien nicht einmal auf der Station vorhanden, sondern müssen zuerst einmal von Angehörigen bei der nächstliegenden Apotheke besorgt werden, sogar bei Notfallzubehör wie Nadel und Faden in der Notaufnahme...). Krankenversicherungen gibt es zwar, doch diese sind nicht staatlich verpflichtend wie in Deutschland und sowieso nur für die obere Mittel- und Oberschicht bezahlbar. Somit ist auch das Rufen der Ambulancia auf Rechnung der einzuliefernden Patienten zu stellen. Wie ich aber bereits erwähnte, haben diese oben beschriebenen bewusstlosen Personen meistens ein ärmliches Aussehen und können mit großer Sicherheit die Rechnung für den Rettungswagen nicht bezahlen, geschweige denn der Behandlung in der Klinik.

Als Pia und ich unseren Mentor hier in La Paz auf diese Problematik angesprochen haben und ihn fragten, wie wir in solch einer Situation am Besten verfahren sollten, wusste selbst er keine Antwort. Die Frage nach der Bezahlung wird anscheinend sofort beim Erscheinen der Ambulanica gestellt - und im Zweifel hat der Anrufer zu zahlen! Wir stark sich diese Tatsache im Handeln der Leute widerspiegelt, hat er uns direkt an einem Beispiel erläutert, welches in den Medien kursierte:

Eine junge Mutter war in Mitten einer Menschenmenge offensichtlich so sehr mit ihrem schreienden Kind, das sich nicht beruhigen lassen wollte, überfordert, dass sie begann, auf das Kleine einzuschlagen. Umstehende Personen intervenierten glücklicherweise recht schnell und brachten die junge Frau mit ihrem Kind auf die nächste Polizeistation, wo sich die Beamten erst einmal mit der Aufnahme der Personalien von Täterin und Zeugen befassten, ohne sich um das Baby zu kümmern, welches augenscheinlich medizinischer Versorgung bedurfte. Einer der anwesenden Zeugen wies die Polizisten darauf hin, doch diese reagierten mit folgender Frage: "Und wer wird das bezahlen?" (Laut unserem Mentor kamen die Helfer gemeinsam für die Behandlung auf und das Kind wurde im Anschluss in einem Kinderheim untergebracht).

Daher: Selbst wenn man sich bereit erklären würde, die Rechnung für diese hilfebedürftigen und ohnmächtigen Personen zu übernehmen: Auf Dauer würde das sogar einen sehr reichen Menschen in den finanziellen Ruin treiben, da man fast täglich in solche Umstände gerät. Und irgendwo hat doch auch der Altruismus seine Grenzen - oder?

Auf der anderen Seite muss es trotzdem einen gewissen Grad an sozialer Verantwortung geben - ansonsten würde das gesamte Modell "Gesellschaft" in keinster Weise funktionieren...

Doch wie löst man dieses Problem, beziehungsweise wie verhält man sich, da es keine eindeutig richtige, einfache und sichere Lösung gibt?

Die Menschen hier in der Stadt setzen auf ein leider altbekanntes Verhalten: Ignoranz. Besinnungslose Personen mitten auf dem Gehweg werden einfach umrundet, genauso wie ein Laternenpfahl, ein Stein oder ein Hundehaufen. Selten bemerkt man einen besorgten Seitenblick oder gar ein Stehenbleiben. Trotzdem kann ich niemandem einen Vorwurf machen, da wahrscheinlich alle genauso ratlos und überfordert sind wie ich. Egal was man macht, es ist immer auf die ein oder andere Weise falsch und problematisch; der Status Quo schwebt wie ein Damoklesschwert über jeder Entscheidung...

Ich für meinen Teil verharre dann in einiger Distanz und beobachte die Personen, bis ich ein sicheres Lebenszeichen wie Bewegungen des Brustkorbs oder ähnliches sehe (wobei ich auch nicht weiß, wie ich reagieren würde, wenn ich so etwas nicht bemerken kann) und gehe anschließend wieder meiner Wege - mit leisen, schleichenden, immerwährend an meinen Fersen haftenden Verfolgern, die mich ständig begleiten: Gewissensbisse.