Jetzt wird's ernst! #2

20Mai2015

Hallo ihr Lieben!

Erst einmal ein riiiiiiiiiiesiges Dankeschön an all die treuen Leser, die trotz meiner unregelmäßigen Berichte immer wieder hierher finden und manchmal sogar Kommentare hinterlassen, die mich immer sehr erfreuen! :)

Nachdem ich größtenteils nur von meinen Urlauben und Alltagserlebnissen erzählt habe, möchte ich nun zur Abwechslung die begonnene Erzählung meiner (mittlerweile ehemaligen) Arbeitsstelle zu Ende bringen.

Wie ihr euch hoffentlich erinnern könnt, beschrieb ich den groben Aufbau und einzelne Eigenheiten der Station des Kinderkrankenhauses und wollte im jetzigen Bericht auf die Arbeit eingehen.

Da ich aber keine ausgebildete Fachkraft bin, bestand diese mehr aus kleinen Hilfstätigkeiten, wie dem Anreichen von Arbeitsmaterial oder der Vorbereitung und gelegentlichen Kontrolle von Infusionen; in dieser Hinsicht ist die Geschichte schnell zu Ende. Allerdings war es immer wieder interessant und manchmal sogar erschreckend, wie vor Ort gearbeitet wird:

- Zugänge werden ohne Handschuhe gelegt; das dafür notwendige Stauband ist nicht vorhanden und wird schlicht durch einen der raren Latexhandschuhe ersetzt

- um die Zugänge sicher an den Kinderhänden zu fixieren, werden ausgeschnittene Pappstücke mit Mullbinde umwickelt und so an den Fingerchen festgeklebt

- nicht existente Urinflaschen werden aus alten Infusionsbehältern gebastelt (einmal wurde so eine abgeschnittene Infusionsflasche von einer Krankenschwester sogar kurzfristig zum Trinkbecher zweckentfremdet; das war dann aber WIRKLICH merkwürdig :D )

- das Blut bei der Blutabnahme (die Spritze muss natürlich selbst mitgebracht werden) wird in einer alten, gereinigten Penicillinglasampulle aufgefangen

- etc.

Diese Liste könnte ich gut und gerne dreimal so lang machen, aber ich denke, meine Aussage wird mehr oder weniger deutlich: Was nicht passt, wird passend gemacht; was nicht vorhanden ist, wird irgendwie improvisiert. Und wenn ich ganz ehrlich bin: Bis auf die handschuhlose Arbeit ist es total akzeptabel. Genau wie die nicht 100%ig funktionsfähigen Infusionsständer ist es (meist) nichts, was man aus Deutschland gewohnt ist, aber trotzdem geht alles irgendwie und erfüllt seinen Zweck. Und solange die Hygienestandards eingehalten werden (würden; ist leider nicht immer der Fall), ist doch alles in Ordnung! Über die Wiederverwendung der alten Penicillinglasampullen bin ich sogar aufrichtig begeistert, das ist Recycling vom Feinsten! Es muss also nicht alles extra für einen einzigen Verwendungszweck aufwendig produziert und dann noch teuer verscherbelt werden, vieles geht auch eindeutig einfacher UND günstiger... Komisch, dass sich da die stets effizient denkenden Deutschen scheinbar noch keine Gedanken darüber gemacht haben

Ein anderer Teil der Zeit, die ich auf dieser Station verbrachte, bestand darin, mit den Kindern zu reden oder zu spielen, um sie von ihrer Eintönigkeit im Bett abzulenken. Dabei war ich immer wieder von der Lebensfreude einiger Kinder beeindruckt, welche trotz ihrer schweren Situation so oft zum Vorschein kam... Zwar hat die Onkologie als einzige Station im Krankenhaus in jedem der 9 Zimmer einen Fernseher stehen, um den Kindern innerhalb ihres mehrwöchigen Aufenthalts wenigstens etwas Unterhaltung zu bieten, aber von denen wiederum funktionieren höchstens 5 so, wie sie sollten, während der Rest entweder keinen Ton von sich gibt oder das Bild auf die ein oder andere Weise beeinträchtigt ist. Alternative Beschäftigungsmöglichkeiten wie Spielzeuge usw. sind aus Platzmangel eher spärlich gesät, sodass es für die Kleinen immer ein Highlight ist, wenn sie Besuch von Voluntariern verschiedener sozialer Projekte bekommen.

Auch die Angehörigen sind über diese Besuche erfreut, weil sie die Zeit nutzen können, um selbst schnell etwas einzukaufen oder andere Angelegenheiten zu regeln. Denn, anders, als wir es aus Deutschland gewohnt sind, sind die Eltern (zumindest in dieser Klinik) dazu verpflichtet, dafür zu sorgen, dass sich stets ein Verwandter oder Freund um die Kinder und ihre Bedürfnisse kümmert. Sie sind dafür verantwortlich, ihr Kind auf die Toilette zu begleiten, es zu waschen, zu füttern oder ihm zur Seite zu stehen, wenn es sich wegen der Chemotherapie übergeben muss. Selbstverständlich gibt es auch Eltern in Deutschland, die das aus freien Stücken machen, aber es ist doch eine andere Sache, wenn man dazu gezwungen wird und es keine eigens dafür gedachte Fachkraft auf der Station gibt, die diese Aufgaben im Notfall übernimmt. Eine Krankenschwester erklärte mir, dass dieser Umstand einen Großteil der Familien (noch mehr) in finanzielle Nöte bringt, da ein Elternteil nicht arbeiten kann, während der kleine Patient interniert ist (und wenn keine Großeltern o.ä. zur Stelle sind, muss man sich ja auch noch zu Hause weiter um das Kind kümmern...). Das ausbleibende Einkommen ist aber mehr als dringend benötigt: Weil eine Versicherung für viele Menschen der Unter- und Mittelschicht schlicht unbezahlbar ist, müssen die Eltern der Kinder über 5 Jahren die Medikamente, Infusionen und SÄMTLICHES Material, welches zur Verabreichung benötigt ist, selbst bezahlen (wie es mit den Ärzten und dem Krankenhausaufenthalt aussieht, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht  da frage ich morgen mal nach!). Dass die Mittel für die Chemotherapie nicht gerade günstig sind, versteht sich von selbst; dass es mit einem einmaligen Verabreichen nicht getan ist, ebenfalls... Glücklicherweise gibt es in dem Kinderkrankenhaus eine Anlaufstelle für Familien in finanziellen Nöten, aber trotzdem kann diese nur geringe Entlastung bieten.

Was ich aus all diesen Erlebnissen für mich persönlich mitnehme: In der 7. Klasse war ich der absolut unerschütterlichen Überzeugung, dass ich eines Tages in die weite Welt auswandern werde. Im Moment bin ich der ebenso festen Meinung, dass ich genau das NICHT tun werde, aus dem einfachen Grund, der mich die so fortschrittliche medizinische Versorgung daheim so unglaublich zu schätzen gelehrt hat...

Leider gab es gegen Weihnachten einen noch immer unaufgeklärten Skandal von Kindesmisshandlung in der Klinik (der Verantwortliche steht nicht fest, es wird sowohl Personal aus der Klinik, als auch aus dem Kinderheim verdächtigt, aus welchem das Kind eingeliefert wurde). Ich selber kann mir dazu auch keine Meinung bilden, weil es einfach viel zu viele verschiedene Meinungen der Leute gibt, mit denen ich mich darüber unterhalten habe und ich auch nicht genügend Hintergrundwissen besitze... Jedenfalls waren seitdem laufend Kontrollen und Behördenbesuche an der Tagesordnung und die Schwestern ließen mich aus Angst vor Fehlern usw. so gut wie nichts mehr helfen. Da für mich aber der medizinische Teil der Arbeit sehr wichtig ist, habe ich unsere Mentoren um eine neue Arbeitsstelle gebeten.

Seit Anfang Februar bin ich deshalb in einem kleinen Gesundheitszentrum in El Alto, der Armenstadt oberhalb von La Paz, und bin an meiner neuen Stelle sehr glücklich. Ich hoffe, dass ich bis zu meinem mittlerweile sehr nahen Rückflug noch einen eigenen Blogeintrag zu diesem sozialen Projekt der bolivianischen Regierung schreiben kann.

Auf ein baldiges, persönliches Wiedersehen :)

Eure Julia